Von den Unicorns direkt in die NFL
Bericht: Hartmut Ruffer, Haller Tagblatt
Foto: Privat/Cincinatti Bengals
Foto: Schwäbisch Hall Unicorns
Vor genau 10 Jahren war Moritz Böhringer die Top-Nachricht und perfekte Cinderella-Story in der amerikanischen und deutschen Sportwelt
Heute vor 10 Jahren wurde Moritz Böhringer als erster Europäer ohne College-Erfahrung im NFL-Draft von den Minnesota Vikings ausgewählt. Hier ist die Geschichte zum Weg von „MoBo“ über Crailsheim und die Schwäbisch Hall Unicorns bis in die große NFL.
Es begann mit einem Video, stimmt. Denn schon im Jahr zuvor gab es ein Highlight-Video von Moritz Böhringer, nur ist das keinem aufgefallen. Dann aber, nach der GFL-Saison 2015, begann eine Geschichte, die sich in dieser Art nie wiederholen wird. Moritz Böhringer drückt es so aus: „Von gar nichts zu ganz viel.“ Mit 70 Catches für 1.461 Yards und 16 Touchdowns sorgte der damals 22-Jährige in der höchsten deutschen Spielklasse für Aufsehen. Es war seine erste Spielzeit für die Schwäbisch Hall Unicorns, zuvor spielte er bei den Crailsheim Titans in der Oberliga.
Wie schon zu Crailsheimer Zeiten schnitt ein Freund Böhringers ein Highlight-Video aus dessen besten GFL-Szenen zusammen. Und das sah man in London. Aden Durde arbeitete damals für die NFL in London. „Er hat mich über Facebook angeschrieben“, berichtet Moritz Böhringer. Dann nahm alles viel Geschwindigkeit auf. „Noch in der Nacht haben wir telefoniert“, erinnert sich Moritz Böhringer zehn Jahre später. Der Receiver der Unicorns wurde gefragt, ob er Zeit habe für ein paar Tests – in den USA. Zu dieser Zeit stand für den damaligen Maschinenbau-Studenten ein Praktikum im Rahmen des Praxissemesters bei der Optima an.
Ein bisschen Zeit war noch bis dahin, Moritz Böhringer sagte zu, nicht ohne sich Informationen einzuholen. Er kontaktierte Anthony Dablé. Moritz Böhringer kannte den Franzosen von der GFL-Saison. Die Unicorns standen im German Bowl den New Yorker Lions Braunschweig, Dablés Team, gegenüber. Dablé wechselte danach nach Frankreich, wurde dann aber vom NFL-Team der New York Giants geholt. Auch wenn der Franzose es letztlich nicht in den Saisonkader schaffte, war er ein guter Ansprechpartner für Moritz Böhringer, da Dablé schon seit Februar 2016 in den USA war.
Viel Zeit zum Nachdenken hatte Moritz Böhringer nicht. Kurz nach der Kontaktaufnahme von Aden Durde saß er bereits im Flugzeug gen USA. Am 31. März 2016 war der Pro Day angesetzt, ein Schautraining, das Universitäten für ihre potenziell profitauglichen Sportler abhalten. Mit seinen 22 Jahren hätte Moritz Böhringer zumindest theoretisch noch College-Football spielen können. Im Vorfeld des Pro Days wird viel trainiert und getestet. Moritz Böhringer bekommt gesagt: „Du gehst wahrscheinlich nicht mehr nach Hause.“ Das lässt den 22-Jährigen nicht wirklich nervös werden. „Ich trainiere und schaue, was passiert“, denkt er sich und trainiert. Ihm sei schon aufgefallen, dass er im athletischen Bereich „relativ gut“ abschnitt, so Böhringer in der Rückschau.
Die Testergebnisse bleiben nicht geheim. Ein Deutscher? Die US-Amerikaner können es kaum glauben. Dazu noch einer ohne College-Erfahrung. Das klang nach einem Märchen. Es war aber keins. Moritz Böhringer, 22 Jahre jung und mit damals 102 Kilogramm Muskelmasse ausgestattet, war real. Beim Pro Day der Florida Atlantic University zeigt Moritz Böhringer eine überzeugende Leistung.
Im Football wird fast alles in Statistiken gepackt. Und die Werte von Moritz Böhringer gaben manchen zur Schnappatmung Anlass. Ein bis dahin völlig Unbekannter, der gerade mal ein paar Jahre Football gespielt hatte – dazu auch noch in Europa – sorgte für Aufsehen. Die NFL sprach auf ihrer eigenen Homepage vom „Partycrasher“, der Hype ging erst richtig los. Ein Geheimtipp war er nicht mehr. Das sah auch der damalige Unicorns-Head-Coach Siegfried Gehrke so: „Wenn du auf der Startseite von NFL.comauftauchst, dann bist du alles andere als geheim.“ Nach dem Pro Day war Moritz Böhringer gefühlt das heißeste Eisen im NFL-Feuer. Im Vorfeld des Drafts gibt es einen sogenannten Top-30-Visit. Dabei laden die NFL- Teams die vielversprechendsten Talente zu Gesprächen. „Ich hatte zu 13 Teams Kontakt“, berichtet Böhringer.
Der Draft 2016 war für Ende April angesetzt. Bis dahin hieß es für Moritz Böhringer: weiter trainieren und den Hype so gut es geht an sich abperlen zu lassen. Medial wurde er von allen Seiten bestürmt, dabei ging er schon in der GFL den wenigen Mikrofonen gerne aus dem Weg. Es gab Telefonkonferenzen mit Medienvertretern, und weiterhin versuchte Moritz Böhringer, den Ball hinsichtlich des Drafts flach zu halten: „Eigentlich gehe ich nicht davon aus, gewählt zu werden. Ich hoff ’s natürlich trotzdem.“ Seine Hoffnung sollte sich am 30. April 2016 bestätigen: In der sechsten Runde des NFL Drafts wurde Moritz Böhringer an 180. Stelle genannt. Der damals 22-jährige Receiver der Schwäbisch Hall Unicorns war der erste europäische Draft-Pick, der keine College-Erfahrung hatte. Zudem war er der erste Deutsche auf einer „offensive skill position“ in der NFL, also auf einer Position der Offensive, die im Spielverlauf an den Ball kommt.
Der Rest ist Geschichte: Dem Jahr bei den Minessota Vikings folgte ein Engagement bei den Cincinatti Bengals, für die er im August 2019 in der Preseason-Partie gegen die Kansas City Chiefs auflief, es aber nicht in den regulären Saisonkader schaffte. Er erhielt erneut einen Platz im Practice Squad und wurde auf die Tight-End-Position umgeschult. Im August 2020 war dann seine NFL-Karriere vorbei, die Bengals entließen ihn.
Anfang 2021 kündigt er die Rückkehr zu den Unicorns an. Zwar verliert er mit den Hallern den German Bowl gegen die Dresden Monarchs, dafür gelingt der Triumph im Europapokal der Central European Football League (CEFL). Im Finale in Innsbruck ist Moritz Böhringer einer der stärksten Spieler. Eine Szene blieb besonders in Erinnerung: Nach einem Tackle verlor Moritz Böhringer seinen Helm. Völlig unbeeindruckt klaubte er diesen auf und verließ mit Bodybuilderpose das Spielfeld. Ja, das machte Eindruck. 2022 gewann er mit den Unicorns erneut die CEFL und diesmal auch die Deutsche Meisterschaft. Es war sein erster deutscher Titel.
Heute lebt Moritz Böhringer in den USA, ist verheiratet und arbeitet für eine Firma in Cincinnati. Auch wenn er American Football nicht mehr aktiv ausübt, bleibt er dem Sport weiterhin eng verbunden. Vor 15 Jahren fing er das erste Mal das ovale Lederei, vor zehn Jahren schrieb er NFL-Geschichte. Die große Karriere blieb ihm verwehrt, doch Moritz Böhringer hat damit kein Problem. „Ich habe alles gegeben“, sagte er mehrmals. Jetzt will er mit seinem Bruder Paul und dem gemeinsamen Unternehmen TLAP – Train Like A Pro – helfen, dass die Football-Basis weiter wächst.






